Eine kurze Harzreise führte mich im letzten Jahr nach Goslar. Dass ich tief ins 19. Jahrhundert geraten und dort einen alten Bekannten aus Schweinfurt treffen würde, hatte ich nicht erwartet.

Malerisches Gässchen in Goslar
UNESCO Welterbe im Harz
Goslar ist immer einen Besuch wert! Eingerahmt von dicken Stadtmauern mit mächtigen Türmen schlängeln sich schmale Straßen mit historischen Fachwerkhäusern – eines hübscher als das andere – um einen lebendigen Stadtkern. Im Süden erhebt sich die mittelalterliche Kaiserpfalz majestätisch auf dem begrünten Liebfrauenberg wie ein kostbares Museumsstück auf einem mit Samt bedeckten Sockel.
Die Kaiserpfalz
Das romanische Gebäude mit seiner fast 1000-jährigen Geschichte hat viel zu erzählen. Es gilt als herausragendes Beispiel profaner Baukunst und erfüllte seine repräsentative Aufgabe im Mittelalter mit Bravour. Eine Pfalz diente den reisenden Königen und Kaisern des Heiligen Römischen Reiches etwa vom 10. bis ins 16. Jahrhundert als Wohn- und Regierungssitz für die kurze Zeit ihrer Aufenthalte. Da es keine Hauptstadt in dem Kollektiv aus Fürstentümern gab, tourte der Kaiser mit seinem Hofstaat durch sein Reich und residierte nur ein paar Tage oder wenige Wochen in einer Pfalz. Hier fanden Hof- und Reichstage, wichtige politische Treffen, Krönungen, Pabstbesuche und Hochzeiten statt. Dementsprechend musste eine Pfalz Eindruck machen. Heinrich III. hat um 1045 begonnen, die Goslarer Kaiserpfalz zu einem prächtigen Palast auszubauen. Im Laufe der Zeit wurde der Gebäudekomplex immer wieder verändert. Als er nicht mehr als Residenz gebraucht wurde, bewahrte die Umnutzung das Gebäude über Jahrhunderte vor dem Verfall. Zwischenzeitlich wurde das einst prächtige Schloss als Gefängnis und schließlich als Getreidespeicher verwendet.
Von der bewegten Geschichte der Kaiserpfalz und der Bedeutung Goslars im Mittelalter erzählt eine Ausstellung mit faszinierenden Objekten im sogenannten Wintersaal im Erdgeschoss. Auch der prachtvoll geschmiedete Kaiserthron aus Rammelsberger Kupfer ist zu bewundern. Nahezu über das gesamte obere Stockwerk erstreckt sich der beeindruckend große Sommersaal, in dem währen der wärmeren Jahreszeit Hof gehalten wurde. Die repräsentative Wirkung lässt sich hier sehr gut nachvollziehen.

Die Kaiserpfalz in Goslar
Romantische Renovierung
Der heutige Zustand dieser Kaiserpfalz ist der Instandsetzung in den 1870er Jahren zu verdanken. [Abb 5] Bevor die Pfalz vollends verfiel, erwarb 1865 das Königreich Hannover, dem Goslar damals angehörte, das Gebäude und investierte viel Geld in Erhalt und Restaurierung. Sie sollte wieder in altem Glanz erstrahlen und ein neues Nationaldenkmal werden. Die Suche nach einer nationalen Identität, die dem lockeren deutschen Bund (Staatsform 1815–1866) Halt verleihen sollte, führte beflügelt vom Geschichtsbild der Romantik zurück ins Mittelalter. Schon während der napoleonischen Besatzung (1803–1815) fanden deutsche Dichter, Denker und Lenker, motivierende Analogien zwischen historischen Personen, ihren Errungenschaften und den Herausforderungen der eigenen Zeit. Die Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts ist stark geprägt von der Idealisierung des Mittelalters. Im Zentrum steht dabei der Stauferkaiser Friedrich I. (1122–1190), auch bekannt als Barbarossa.
Das große Bildprogramm
Dem Plan, die altehrwürdige Pfalz in Goslar zu einem Nationaldenkmal zu gestalten, blies die Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 Wind in die Segel. Ein neuer Kaiser, Wilhelm I. aus dem Hause Hohenzollern, führt Deutschland in eine neue (Kaiser-)Zeit und 1875 stattet er der frisch renovierten Pfalz sogar einen Besuch ab. Das muss im Bild festgehalten werden! Die Kaiserproklamation von 1871 als Wandgemälde sollte das romantisch-romanischen Bauwerks zu einem Nationaldenkmal vervollständigen. Hermann Wislicenus (1825–1899) erhielt den Auftrag die Wände des Sommersaals mit Fresken zu diesem Thema zu schmücken. Er war Professor für weltliche Historienmalerei an der Düsseldorfer Akademie. Das Projekt in Goslar wurde zu seinem Lebenswerk und beschäftigte ihn mit Unterstützung durch seine Schüler 22 Jahre lang. Sie schufen hier 68 Gemälde auf einer Fläche von über 600 Quadratmetern.

Zentrales Bild von der Kaiserporklamation
Märchenhafter Nationalismus
Im Zentrum des Bildprogramms steht die Ernennung von Wilhelm I. zum deutschen Kaiser. Hoch zu Ross reitet dieser dem Kronprinz Friedrich Wilhelm voran umgeben von Persönlichkeiten aus Politik und Adel sowie Allegorien. An der Westwand links und rechts von diesem Gemälde erzählt Wislicenus die Geschichte des mittelalterlichen Kaisertums von Karl dem Großen bis zur Reformation und suggeriert die Folge der Hohenzollern-Herrschaft aus dem mittelalterlichen Reich.

Dornröschens Geburt
An der kurzen Südwand nimmt eine zweite Erzählung ihren Anfang: Das Märchen Dornröschen. Diese Geschichte wird als Analogie der idealisierten Historie gegenübergestellt. Auf den Flächen zwischen den Rundbogenfenstern illustriert Wislicenus Dornröschens Leben bis sie mit dem ganzen Hofstaat einschläft. Dieser wird durch Figuren, die Kunst (und Wissenschaft), Politik, Heer und Macht repräsentieren, dargestellt (Vgl. Gutmann, S. 64). Wie die Märchengestalten, so schlafe auch das Deutsche Reich, bis ein würdiger Erlöser es wieder erweckt. Das müsste schon so ein Kerl sein wie Friedrich Barbarossa!
Rotbart und Weißbart
Doch die Legende erzählt, dass Friedrich I. gar nicht tot ist, sondern tief unten im Kyffhäuser, einer Gebirgskette südlich des Harzes, schläft, bis die Zeit gekommen ist, sein Reich wieder zu behaupten. Diese Kyffhäuser-Legende wurde während der Befreiungskriege (1813–15) gegen die napoleonische Besatzung, sehr beliebt. Friedrich Rückert (1788–1866) hat eine der damals populärsten Gedichtfassungen formuliert, die zur Pflichtlektüre an den Schulen gehörte [siehe Kasten]. An der Nordwand der Pfalz sehen wir Friedrich Barbarossa nach jahrhundertelangem Schlaf aus dem Berg schreiten, das Reichsschwert in der Hand und die Reichskrone auf dem Haupt, während der Reichsadler die Raben vertreibt. Das bedeutet, Friedrich I. sei erwacht in der Person des neuen Kaisers: Wilhelm I. „Barbablanca“.

Barbarossa ist erwacht
Barbarossa von Friedrich Rückert
Der alte Barbarossa,
Der Kaiser Friederich,
Im unterird′schen Schlosse
Hält er verzaubert sich.
Er ist niemals gestorben,
Er lebt darin noch jetzt;
Er hat im Schloß verborgen
Zum Schlaf sich hingesetzt.
Er hat hinabgenommen
Des Reiches Herrlichkeit,
Und wird einst wiederkommen
Mit ihr, zu seiner Zeit.
Der Stuhl ist elfenbeinern,
Darauf der Kaiser sitzt;
Der Tisch ist marmelsteinern,
Worauf sein Haupt er stützt.
Sein Bart ist nicht von Flachse,
Er ist von Feuersglut,
Ist durch den Tisch gewachsen,
Worauf sein Kinn ausruht.
Er nickt als wie im Traume,
Sein Aug′ halb offen zwinkt;
Und je nach langem Raume
Er einem Knaben winkt.
Er spricht im Schlaf zum Knaben:
Geh hin vors Schloß, o Zwerg,
Und sieh, ob noch die Raben
Herfliegen um den Berg.
Und wenn die alten Raben
Noch fliegen immerdar,
So muß ich auch noch schlafen
Verzaubert hundert Jahr.

Finale des Bildprogramms
Supraporte in Sepia
Und auch die Dornröschen-Analogie nimmt ein Happy End. Das Bild, das sich um den Rundbogen der Eingangstür an der Nordwand schmiegt, gleich unter den davonfliegenden Raben, kombiniert Dornröschens Erwachen mit der jüngsten Vergangenheit und der unmittelbaren Gegenwart: Im Zentrum des Gemäldes in reduzierten Farben und dezenten Brauntönen ist die frisch renovierte Kaiserpfalz zu sehen. Von rechts fährt Wilhelm I. in einer Kutsche heran um das Bauwerk zu besuchen, wie er es am 15. August 1875 tatsächlich getan hat. Eine allegorische Darstellung der Zeit trennt diese Darstellung von der unmittelbaren Vorgeschichte. Eine schwebende Frauengestalt hält ein Stundenglas in die Höhe. Vor ihr, also vor den Ereignissen rechts im Bild, erweckt der Prinz, der die Züge des jungen Wilhelm I. trägt, Dornröschen. Unter dieser Szene drängt sich eine Gruppe Männer, die sowohl der Erweckung als auch dem Kaiser jenseits des Zeitsprungs zujubeln. Diese Figurengruppe fand bislang kaum Beachtung in der Analyse des Bildprogramms. Eine recht oberflächliche Interpretation liefert lediglich Schäfer-Hartmann, der die ganze linke Bildhälfte deutet als „Wiedererwachen des Reiches […], wenn nicht nur Dornröschen wachgeküsst wird […], sondern auch Kunst, Politik, Heer und Macht wiedererwachen.“ (Schäfer-Hartmann. S. 230). Freilich sind Soldaten in der Gruppe zu erkennen, aber wer sind die anderen Personen?

Zeitgenössisches Rückert-Portrait von Carolsfeld
Modische Statements
Aus der Gruppe von zehn Enthusiasten ragt der junge Mann mit Nazarener-Frisur, Oberlippenbart, etwas grimmigem Blick und altdeutscher Tracht heraus. Er ist den Betrachtern zugewandt und weist mit großer Geste auf das Bild der Pfalz und – über den Rundbogen hinweg – auf den herannahenden Kaiser Wilhelm I. Ähnlichkeiten der Figur mit dem Dichter Friedrich Rückert (1788–1866) dürften nicht zufällig sein. Mehrere erhaltene Aussagen seiner Zeitgenossen belegen, dass Rückert eine ikonische Erscheinung war. Das abgebildete Outfit war lange Zeit sein unverwechselbarer Look, mit dem er ein politisches Statement setzte: Die altdeutsche Tracht kam während der Befreiungskriege auf und galt als Ausdruck des deutschen Nationalgefühls und Ablehnung französischer Einflüsse. Danach wurde sie zeitweise verboten. Auch Rückert hatte 1816 dafür Ärger bekommen. Bei der zeitlichen Einordnung dieses Bildsegments helfen auch die beiden uniformierten Enthusiasten. Ihre Kopfbedeckung, der Tschako, dessen oberer Rand breiter ist als der Kopfumfang, setzt sich während der Befreiungskriege im deutschen Militär durch. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird die Form immer mehr verändert, während der Tschako in Preußen schon ab 1843 von der Pickelhaube abgelöst wird. Rechts im Bild tragen Wilhelm I. und seine drei Begleiter Pickelhauben. Neben dem etwa 25-jährigen Friedrich Rückert, dem märchenhaft verjüngten Wilhelm I. und der Zeit-Allegorie markiert auch dieser Unterschied zwischen den Uniformen den Zeitsprung zwischen linker und rechter Bildhälfte und ordnet die zehn Enthusiasten den Befreiungskriegen zu.

Ausschnitt mit Rückert
Rückert vergießt Tinte
Die anderen Männer in der Gruppe lassen sich nicht genau identifizieren. In jedem Fall bilden sie eine Gruppe, die ihre Stimme erhebt und Friedrich Rückert spielt hier die Rolle einer Gallionsfigur. Abgebildet ist der junge Rückert, der mit den Deutschen Gedichten (Heidelberg 1814) zum „Dichter der Befreiungskriege“ (Weltpoet, S. 63) wird. In dieser Sammlung sind auch die Geharnischten Sonette enthalten. Mit spitzer Feder kommentieren sie die politischen Ereignisse und fordern zum Kampf gegen die Besatzung auf (siehe Beispiel). Während sein Bruder in den Krieg gegen Napoleon zieht, engagiert sich Rückert mit Papier und Tinte und trifft mit seinen Texten den Nerv der Zeit. Die Deutschen Gedichte sind Rückerts Durchbruch als Schriftsteller. 1817 folgt der zweite Band der Sammlung politischer Gedichte, Kranz der Zeit, mit „Barbarossa“. Claudia Wiener fasst den Subtext der abschließenden Gedichte dieses Bandes zusammen als Hinweis „auf die Zerstörung einer alteuropäischen Tradition durch die französische Politik und [sie] geben das Ziel vor: die Einheit des Reiches unter einem Kaiser…“ (Weltpoet, S. 49). Diese Zusammenfassung weißt eine erstaunlich große Analogie zum Narrativ des Goslarer Bildprogramms auf.
Beispiel aus den Geharnischten Sonetten:
Ihr Deutschen von dem Flutenbett des Rheines,
bis wo die Elbe sich ins Nordmeer gießet,
die ihr vordem ein Volk, ein großes, hießet,
was habt ihr denn, um noch zu heißen eines?
Was habt ihr denn noch großes Allgemeines?
Welch Band, das euch als Volk zusammenschließet?
Seit ihr denn Kaiserszepter brechen ließet,
und euer Reich zerspalten, hat ihr keines.
Nur noch ein einziges Band ist euch geblieben,
das ist die Sprache, die sonst verachtet;
jetzt müsst ihr sie als euer einziges lieben.
Sie ist noch eu’r, ihr selber seid verpachtet;
Sie haltet fest, wenn alles wird zerrieben,
daß ihr noch klagen könnt, wie ihr verschmachtet.
Freimund Reimar
Rückert, der im Laufe seiner Karriere zum meistveröffentlichen Autor im 19. Jahrhundert wird, trägt mit seinen Texten stark zur Verbreitung eines romantischen Geschichtsbilds bei. Die Idealisierung der Vergangenheit und die fiktive Identifikation mit ihr sind auch Programm auf der Bettenburg in den Haßbergen, wo Christian Freiherr Truchseß von Wetzhausen (1755-1826) eine illustre literarische „Tafelrunde“ pflegte. Neben Jean Paul (1763–1825), Friedrich de la Motte Fouqué (1777–1843) und anderen gehörte auch Rückert ab 1813 dazu. Rückerts Pseudonym, Freimund Reimar, unter dem er die deutschen Gedichte veröffentlichte, klingt also nicht zufällig wie der Name eines mittelalterlichen Barden. Auch auf seiner Italienreise 1818 mutet Rückert wie die „Verkörperung des Spielmanns Volker aus dem Nibelungenlied“ an, so sein Reisebegleiter, der schwedische Dichter und Literaturhistoriker Daniel Atterbom (1790–1855).
Die Tafelrunde auf der Bettenburg feiert dieses Jahr ein großes Jubiläum! Hier findet ihr das Programm.
Kranz der Zeit
Auf dem kleinen Bild an der Nordwand des Sommersaals steht Rückert als Stimme der deutschen Befreiungskämpfe quasi Pate beim Erwachen der Hoffnung auf Freiheit und nationalen Zusammenhalt. Die Gruppe der Enthusiasten ist nur durch die Zeit von der Erfüllung ihrer Wünsche und Hoffnungen getrennt. So erzählt es das Bild. Friedrich Rückert erlebt die Kaiserproklamation 1871 nicht. Er stirbt mit 77 Jahren bereits fünf Jahre zuvor 1866. Doch es ist bekannt, dass er Befürworter der konstitutionellen Monarchie, die auf einer Verfassung beruht, war.
Während die 67 Gemälde auf mehreren Narrationsebenen eine Herrschaftslegitimation für Wilhelm I. aus Geschichtsschreibung, märchenhafter Analogie und sagenhafter Prophezeiung herleiten, findet das imposante Bildprogramm einen recht diskreten Abschluss in dieser kleinen Supraporte in Sepia. Sie führt alle drei Erzählstränge zusammen und enthält auch noch einen Zeitsprung – der Knoten in der kleinen Schleife, die Wislicenus’ Kranz der Zeit schließt.
Wenn ihr in der Gegend seid, besucht unbedingt Goslar und die Kaiserpfalz!
Quellen und zum Weiterlesen:
Monika Arndt: „Der Weißbart auf des Rotbarts Throne“. Mittelalterliches und Preußisches Kaisertum in den Wandbildern des Goslarer Kaiserhauses, Göttingen 1977.
Monika Arndt: Die Goslarer Kaiserpfalz als Nationaldenkmal. Eine ikonographische Untersuchung.
Christoph Gutmann u. Volker Schadach: Kaiserpfalz Goslar, Goslar 2002.
Rudolf Kreutner (Hrsg.): Der Weltpoet. Friedrich Rückert (1788-1866) – Dichter, Orientalist, Zeitkritiker, Schweinfurt 2016.
Günter Schäfer-Hartmann: Literaturgeschichte als wahre Geschichte. Mittelalterrezeption in der deutschen Literaturgeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts und politische Instrumentalisierung des Mittelalters durch Preußen, Frankfurt a. M. 2009.
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