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	<title>Texterei Schramm</title>
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		<title>Neu entdeckt: Friedrich Rückert in der Goslarer Kaiserpfalz</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Christine Schramm]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 14 May 2026 17:05:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kulturgeschichte]]></category>
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					<description><![CDATA[Eine kurze Harzreise führte mich im letzten Jahr nach Goslar. Dass ich tief ins 19. Jahrhundert geraten und dort einen alten Bekannten aus Schweinfurt treffen würde, hatte ich nicht erwartet. UNESCO Welterbe im Harz Goslar ist immer einen Besuch wert! Eingerahmt von dicken Stadtmauern mit mächtigen Türmen schlängeln sich schmale Straßen mit historischen Fachwerkhäusern – [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Eine kurze Harzreise führte mich im letzten Jahr nach Goslar. Dass ich tief ins 19. Jahrhundert geraten und dort einen alten Bekannten aus Schweinfurt treffen würde, hatte ich nicht erwartet.</p>
<div id="attachment_230529" style="width: 235px" class="wp-caption alignright"><img fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-230529" class=" wp-image-230529" src="https://texterei-schramm.de/wp-content/uploads/2026/05/Abb-1.2-576x1024.jpg" alt="" width="225" height="400" /><p id="caption-attachment-230529" class="wp-caption-text">Malerisches Gässchen in Goslar</p></div>
<p><strong>UNESCO Welterbe im Harz</strong></p>
<p>Goslar ist immer einen Besuch wert! Eingerahmt von dicken Stadtmauern mit mächtigen Türmen schlängeln sich schmale Straßen mit historischen Fachwerkhäusern – eines hübscher als das andere – um einen lebendigen Stadtkern. Im Süden erhebt sich die mittelalterliche Kaiserpfalz majestätisch auf dem begrünten Liebfrauenberg wie ein kostbares Museumsstück auf einem mit Samt bedeckten Sockel.</p>
<p><strong>Die Kaiserpfalz</strong></p>
<p>Das romanische Gebäude mit seiner fast 1000-jährigen Geschichte hat viel zu erzählen. Es gilt als herausragendes Beispiel profaner Baukunst und erfüllte seine repräsentative Aufgabe im Mittelalter mit Bravour. Eine Pfalz diente den reisenden Königen und Kaisern des Heiligen Römischen Reiches etwa vom 10. bis ins 16. Jahrhundert als Wohn- und Regierungssitz für die kurze Zeit ihrer Aufenthalte. Da es keine Hauptstadt in dem Kollektiv aus Fürstentümern gab, tourte der Kaiser mit seinem Hofstaat durch sein Reich und residierte nur ein paar Tage oder wenige Wochen in einer Pfalz. Hier fanden Hof- und Reichstage, wichtige politische Treffen, Krönungen, Pabstbesuche und Hochzeiten statt. Dementsprechend musste eine Pfalz Eindruck machen. Heinrich III. hat um 1045 begonnen, die Goslarer Kaiserpfalz zu einem prächtigen Palast auszubauen. Im Laufe der Zeit wurde der Gebäudekomplex immer wieder verändert. Als er nicht mehr als Residenz gebraucht wurde, bewahrte die Umnutzung das Gebäude über Jahrhunderte vor dem Verfall. Zwischenzeitlich wurde das einst prächtige Schloss als Gefängnis und schließlich als Getreidespeicher verwendet.</p>
<p>Von der bewegten Geschichte der Kaiserpfalz und der Bedeutung Goslars im Mittelalter erzählt eine Ausstellung mit faszinierenden Objekten im sogenannten Wintersaal im Erdgeschoss. Auch der prachtvoll geschmiedete Kaiserthron aus Rammelsberger Kupfer ist zu bewundern. Nahezu über das gesamte obere Stockwerk erstreckt sich der beeindruckend große Sommersaal, in dem währen der wärmeren Jahreszeit Hof gehalten wurde. Die repräsentative Wirkung lässt sich hier sehr gut nachvollziehen.</p>
<div id="attachment_230531" style="width: 1034px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-230531" class="size-large wp-image-230531" src="https://texterei-schramm.de/wp-content/uploads/2026/05/Abb-2-1024x487.jpg" alt="" width="1024" height="487" srcset="https://texterei-schramm.de/wp-content/uploads/2026/05/Abb-2-980x466.jpg 980w, https://texterei-schramm.de/wp-content/uploads/2026/05/Abb-2-480x228.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) and (max-width: 980px) 980px, (min-width: 981px) 1024px, 100vw" /><p id="caption-attachment-230531" class="wp-caption-text">Die Kaiserpfalz in Goslar</p></div>
<p><strong>Romantische Renovierung</strong></p>
<p>Der heutige Zustand dieser Kaiserpfalz ist der Instandsetzung in den 1870er Jahren zu verdanken. [Abb 5] Bevor die Pfalz vollends verfiel, erwarb 1865 das Königreich Hannover, dem Goslar damals angehörte, das Gebäude und investierte viel Geld in Erhalt und Restaurierung. Sie sollte wieder in altem Glanz erstrahlen und ein neues Nationaldenkmal werden. Die Suche nach einer nationalen Identität, die dem lockeren deutschen Bund (Staatsform 1815–1866) Halt verleihen sollte, führte beflügelt vom Geschichtsbild der Romantik zurück ins Mittelalter. Schon während der napoleonischen Besatzung (1803–1815) fanden deutsche Dichter, Denker und Lenker, motivierende Analogien zwischen historischen Personen, ihren Errungenschaften und den Herausforderungen der eigenen Zeit. Die Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts ist stark geprägt von der Idealisierung des Mittelalters. Im Zentrum steht dabei der Stauferkaiser Friedrich I. (1122–1190), auch bekannt als Barbarossa.</p>
<p><strong>Das große Bildprogramm</strong></p>
<p>Dem Plan, die altehrwürdige Pfalz in Goslar zu einem Nationaldenkmal zu gestalten, blies die Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 Wind in die Segel. Ein neuer Kaiser, Wilhelm I. aus dem Hause Hohenzollern, führt Deutschland in eine neue (Kaiser-)Zeit und 1875 stattet er der frisch renovierten Pfalz sogar einen Besuch ab. Das muss im Bild festgehalten werden! Die Kaiserproklamation von 1871 als Wandgemälde sollte das romantisch-romanischen Bauwerks zu einem Nationaldenkmal vervollständigen. Hermann Wislicenus (1825–1899) erhielt den Auftrag die Wände des Sommersaals mit Fresken zu diesem Thema zu schmücken. Er war Professor für weltliche Historienmalerei an der Düsseldorfer Akademie. Das Projekt in Goslar wurde zu seinem Lebenswerk und beschäftigte ihn mit Unterstützung durch seine Schüler 22 Jahre lang. Sie schufen hier 68 Gemälde auf einer Fläche von über 600 Quadratmetern.</p>
<p>&nbsp;</p>
<div id="attachment_230535" style="width: 253px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-230535" class=" wp-image-230535" src="https://texterei-schramm.de/wp-content/uploads/2026/05/Abb-6.2-679x1024.jpg" alt="" width="243" height="367" /><p id="caption-attachment-230535" class="wp-caption-text"><strong>Zentrales Bild von der Kaiserporklamation</strong></p></div>
<p><strong>Märchenhafter Nationalismus </strong></p>
<p>Im Zentrum des Bildprogramms steht die Ernennung von Wilhelm I. zum deutschen Kaiser.  Hoch zu Ross reitet dieser dem Kronprinz Friedrich Wilhelm voran umgeben von Persönlichkeiten aus Politik und Adel sowie Allegorien. An der Westwand links und rechts von diesem Gemälde erzählt Wislicenus die Geschichte des mittelalterlichen Kaisertums von Karl dem Großen bis zur Reformation und suggeriert die Folge der Hohenzollern-Herrschaft aus dem mittelalterlichen Reich.</p>
<p>&nbsp;</p>
<div id="attachment_230541" style="width: 476px" class="wp-caption alignright"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-230541" class=" wp-image-230541" src="https://texterei-schramm.de/wp-content/uploads/2026/05/Abb-7-1024x610.jpg" alt="" width="466" height="278" /><p id="caption-attachment-230541" class="wp-caption-text">Dornröschens Geburt</p></div>
<p>An der kurzen Südwand nimmt eine zweite Erzählung ihren Anfang: Das Märchen Dornröschen. Diese Geschichte wird als Analogie der idealisierten Historie gegenübergestellt. Auf den Flächen zwischen den Rundbogenfenstern illustriert Wislicenus Dornröschens Leben bis sie mit dem ganzen Hofstaat einschläft. Dieser wird durch Figuren, die Kunst (und Wissenschaft), Politik, Heer und Macht repräsentieren, dargestellt (Vgl. Gutmann, S. 64). Wie die Märchengestalten, so schlafe auch das Deutsche Reich, bis ein würdiger Erlöser es wieder erweckt. Das müsste schon so ein Kerl sein wie Friedrich Barbarossa!</p>
<p><strong>Rotbart und Weißbart</strong></p>
<p>Doch die Legende erzählt, dass Friedrich I. gar nicht tot ist, sondern tief unten im Kyffhäuser, einer Gebirgskette südlich des Harzes, schlafe, bis die Zeit gekommen ist, sein Reich wieder zu behaupten. Diese Kyffhäuser-Legende wurde während der Befreiungskriege (1813–15) gegen die napoleonische Besatzung, sehr beliebt. Friedrich Rückert (1788–1866) hat eine der damals populärsten Gedichtfassungen formuliert, die zur Pflichtlektüre an den Schulen gehörte [siehe unten]. An der Nordwand der Pfalz sehen wir Friedrich Barbarossa nach jahrhundertelangem Schlaf aus dem Berg schreiten, das Reichsschwert in der Hand und die Reichskrone auf dem Haupt, während der Reichsadler die Raben vertreibt. Das bedeutet, Friedrich I. sei erwacht in der Person des neuen Kaisers: Wilhelm I. „Barbablanca“.</p>
<div id="attachment_230542" style="width: 853px" class="wp-caption alignright"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-230542" class=" wp-image-230542" src="https://texterei-schramm.de/wp-content/uploads/2026/05/Abb-8-1024x576.jpg" alt="" width="843" height="474" /><p id="caption-attachment-230542" class="wp-caption-text">Barbarossa ist erwacht</p></div>
<p><strong>Barbarossa von Friedrich Rückert</strong></p>
<p>Der alte Barbarossa,</p>
<p>Der Kaiser Friederich,</p>
<p>Im unterird′schen Schlosse</p>
<p>Hält er verzaubert sich.</p>
<p>Er ist niemals gestorben,</p>
<p>Er lebt darin noch jetzt;</p>
<p>Er hat im Schloß verborgen</p>
<p>Zum Schlaf sich hingesetzt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Er hat hinabgenommen</p>
<p>Des Reiches Herrlichkeit,</p>
<p>Und wird einst wiederkommen</p>
<p>Mit ihr, zu seiner Zeit.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Stuhl ist elfenbeinern,</p>
<p>Darauf der Kaiser sitzt;</p>
<p>Der Tisch ist marmelsteinern,</p>
<p>Worauf sein Haupt er stützt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Sein Bart ist nicht von Flachse,</p>
<p>Er ist von Feuersglut,</p>
<p>Ist durch den Tisch gewachsen,</p>
<p>Worauf sein Kinn ausruht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Er nickt als wie im Traume,</p>
<p>Sein Aug′ halb offen zwinkt;</p>
<p>Und je nach langem Raume</p>
<p>Er einem Knaben winkt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Er spricht im Schlaf zum Knaben:</p>
<p>Geh hin vors Schloß, o Zwerg,</p>
<p>Und sieh, ob noch die Raben</p>
<p>Herfliegen um den Berg.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Und wenn die alten Raben</p>
<p>Noch fliegen immerdar,</p>
<p>So muß ich auch noch schlafen</p>
<p>Verzaubert hundert Jahr.</p>
<p>&nbsp;</p>
<div id="attachment_230543" style="width: 542px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-230543" class=" wp-image-230543" src="https://texterei-schramm.de/wp-content/uploads/2026/05/Abb-9-1024x583.jpg" alt="" width="532" height="303" /><p id="caption-attachment-230543" class="wp-caption-text">Finale des Bildprogramms</p></div>
<p><strong>Supraporte in Sepia</strong></p>
<p>Und auch die Dornröschen-Analogie nimmt ein Happy End. Das Bild, das sich um den Rundbogen der Eingangstür an der Nordwand schmiegt, gleich unter den davonfliegenden Raben, kombiniert Dornröschens Erwachen mit der jüngsten Vergangenheit und der unmittelbaren Gegenwart: Im Zentrum des Gemäldes in reduzierten Farben ist die frisch renovierte Kaiserpfalz zu sehen. Von rechts fährt Wilhelm I. in einer Kutsche heran um das Bauwerk zu besuchen, wie er es am 15. August 1875 tatsächlich getan hat. Eine allegorische Darstellung der Zeit trennt diese Darstellung von der unmittelbaren Vorgeschichte. Eine schwebende Frauengestalt hält ein Stundenglas in die Höhe. Vor ihr, also vor den Ereignissen rechts im Bild, erweckt der Prinz, der die Züge des jungen Wilhelm I. trägt, Dornröschen. Unter dieser Szene drängt sich eine Gruppe Männer, die sowohl der Erweckung als auch dem Kaiser jenseits des Zeitsprungs zujubeln. Diese Figurengruppe fand bislang kaum Beachtung in der Analyse des Bildprogramms. Eine recht oberflächliche Interpretation liefert lediglich Schäfer-Hartmann, der die ganze linke Bildhälfte deutet als „Wiedererwachen des Reiches […], wenn nicht nur Dornröschen wachgeküsst wird […], sondern auch Kunst, Politik, Heer und Macht wiedererwachen.“ (Schäfer-Hartmann. S. 230). Freilich sind Soldaten in der Gruppe zu erkennen, aber wer sind die anderen Personen?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<div id="attachment_230546" style="width: 237px" class="wp-caption alignright"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-230546" class=" wp-image-230546" src="https://texterei-schramm.de/wp-content/uploads/2026/05/Carolsfeld.jpg" alt="" width="227" height="259" /><p id="caption-attachment-230546" class="wp-caption-text"><strong>Zeitgenössisches Rückert-Portrait von Carolsfeld</strong></p></div>
<p><strong>Modische Statements</strong></p>
<p>Aus der Gruppe von zehn Enthusiasten ragt der junge Mann mit Nazarener-Frisur, Oberlippenbart, etwas grimmigem Blick und altdeutscher Tracht heraus. Er ist den Betrachtern zugewandt und weist mit großer Geste auf das Bild der Pfalz und – über den Rundbogen hinweg – auf den herannahenden Kaiser Wilhelm I. Ähnlichkeiten der Figur mit dem Dichter Friedrich Rückert (1788–1866) dürften nicht zufällig sein. Mehrere erhaltene Aussagen seiner Zeitgenossen belegen, dass Rückert eine ikonische Erscheinung war. Das abgebildete Outfit war lange Zeit sein unverwechselbarer Look, mit dem er ein politisches Statement setzte: Die altdeutsche Tracht kam während der Befreiungskriege auf und galt als Ausdruck des deutschen Nationalgefühls und der Ablehnung französischer Einflüsse. Danach wurde sie zeitweise verboten. Auch Rückert hatte 1816 dafür Ärger bekommen. Bei der zeitlichen Einordnung dieses Bildsegments helfen auch die beiden uniformierten Enthusiasten. Ihre Kopfbedeckung, der Tschako, dessen oberer Rand breiter ist als der Kopfumfang, setzt sich während der Befreiungskriege im deutschen Militär durch. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird die Form immer mehr verändert, während der Tschako in Preußen schon ab 1843 von der Pickelhaube abgelöst wird. Rechts im Bild tragen Wilhelm I. und seine drei Begleiter Pickelhauben. Neben dem etwa 25-jährigen Friedrich Rückert, dem märchenhaft verjüngten Wilhelm I. und der Zeit-Allegorie markiert auch dieser Unterschied zwischen den Uniformen den Zeitsprung zwischen linker und rechter Bildhälfte und ordnet die zehn Enthusiasten den Befreiungskriegen zu.</p>
<p>&nbsp;</p>
<div id="attachment_230544" style="width: 403px" class="wp-caption alignright"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-230544" class=" wp-image-230544" src="https://texterei-schramm.de/wp-content/uploads/2026/05/Abb-10-576x1024.jpg" alt="" width="393" height="699" /><p id="caption-attachment-230544" class="wp-caption-text">Ausschnitt mit Rückert</p></div>
<p><strong>Rückert vergießt Tinte</strong></p>
<p>Die anderen Männer in der Gruppe lassen sich nicht genau identifizieren. In jedem Fall bilden sie eine Gruppe, die ihre Stimme erhebt und Friedrich Rückert spielt hier die Rolle einer Gallionsfigur. Abgebildet ist der junge Rückert, der mit den <em>Deutschen Gedichten</em> (Heidelberg 1814) zum „Dichter der Befreiungskriege“ (<em>Weltpoet</em>, S. 63) wird. In dieser Sammlung sind auch die <em>Geharnischten Sonette</em> enthalten. Mit spitzer Feder kommentieren sie die politischen Ereignisse und fordern zum Kampf gegen die Besatzung auf (siehe Beispiel). Während sein Bruder in den Krieg gegen Napoleon zieht, engagiert sich Rückert mit Papier und Tinte und trifft mit seinen Texten den Nerv der Zeit. Die <em>Deutschen Gedichte</em> sind Rückerts Durchbruch als Schriftsteller. 1817 folgt der zweite Band der Sammlung politischer Gedichte, <em>Kranz der Zeit</em>, mit „Barbarossa“. Claudia Wiener fasst den Subtext der abschließenden Gedichte dieses Bandes zusammen als Hinweis „auf die Zerstörung einer alteuropäischen Tradition durch die französische Politik und [sie] geben das Ziel vor: die Einheit des Reiches unter einem Kaiser…“ (<em>Weltpoet</em>, S. 49). Diese Zusammenfassung weißt eine erstaunlich große Analogie zum Narrativ des Goslarer Bildprogramms auf.</p>
<p><strong>Beispiel aus den Geharnischten Sonetten:</strong></p>
<p>Ihr Deutschen von dem Flutenbett des Rheines,</p>
<p>bis wo die Elbe sich ins Nordmeer gießet,</p>
<p>die ihr vordem ein Volk, ein großes, hießet,</p>
<p>was habt ihr denn, um noch zu heißen eines?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Was habt ihr denn noch großes Allgemeines?</p>
<p>Welch Band, das euch als Volk zusammenschließet?</p>
<p>Seit ihr denn Kaiserszepter brechen ließet,</p>
<p>und euer Reich zerspalten, hat ihr keines.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Nur noch ein einziges Band ist euch geblieben,</p>
<p>das ist die Sprache, die sonst verachtet;</p>
<p>jetzt müsst ihr sie als euer einziges lieben.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Sie ist noch eu’r, ihr selber seid verpachtet;</p>
<p>Sie haltet fest, wenn alles wird zerrieben,</p>
<p>daß ihr noch klagen könnt, wie ihr verschmachtet.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Freimund Reimar</strong></p>
<p>Rückert, der im Laufe seiner Karriere zum meistveröffentlichen Autor im 19. Jahrhundert wird, trägt mit seinen Texten stark zur Verbreitung eines romantischen Geschichtsbilds bei. Die Idealisierung der Vergangenheit und die fiktive Identifikation mit ihr sind auch Programm auf der Bettenburg in den Haßbergen, wo Christian Freiherr Truchseß von Wetzhausen (1755-1826) eine illustre literarische „Tafelrunde“ pflegte. Neben Jean Paul (1763–1825), Friedrich de la Motte Fouqué (1777–1843) und anderen gehörte auch Rückert ab 1813 dazu. Rückerts Pseudonym, <em>Freimund Reimar, </em>unter dem er die deutschen Gedichte veröffentlichte, klingt also nicht zufällig wie der Name eines mittelalterlichen Barden. Auch auf seiner Italienreise 1818 mutet Rückert wie die „Verkörperung des Spielmanns Volker aus dem Nibelungenlied“ an, so sein Reisebegleiter, der schwedische Dichter und Literaturhistoriker Daniel Atterbom (1790–1855).</p>
<p><strong>Die Tafelrunde auf der Bettenburg feiert dieses Jahr ein großes Jubiläum! </strong><a href="https://rueckert-gesellschaft.de/wp-content/uploads/2026/03/Flyer-Truchsess-Jubilaeum_final.pdf"><strong>Hier findet ihr das Programm.</strong></a></p>
<p><strong>Kranz der Zeit</strong></p>
<p>Auf dem kleinen Bild an der Nordwand des Sommersaals steht Rückert als Stimme der deutschen Befreiungskämpfe quasi Pate beim Erwachen der Hoffnung auf Freiheit und nationalen Zusammenhalt. Die Gruppe der Enthusiasten ist nur durch die Zeit von der Erfüllung ihrer Wünsche und Hoffnungen getrennt. So erzählt es das Bild. Friedrich Rückert erlebt die Kaiserproklamation 1871 nicht. Er stirbt mit 77 Jahren bereits fünf Jahre zuvor 1866. Doch es ist bekannt, dass er Befürworter der konstitutionellen Monarchie, die auf einer Verfassung beruht, war.</p>
<p>Während die 67 Gemälde auf mehreren Narrationsebenen eine Herrschaftslegitimation für Wilhelm I. aus Geschichtsschreibung, märchenhafter Analogie und sagenhafter Prophezeiung herleiten, findet das imposante Bildprogramm einen recht diskreten Abschluss in dieser kleinen Supraporte in Sepia. Sie führt alle drei Erzählstränge zusammen und enthält auch noch einen Zeitsprung – der Knoten in der kleinen Schleife, die Wislicenus’ Kranz der Zeit schließt.</p>
<p><strong>Wenn ihr in der Gegend seid, besucht unbedingt <a href="https://www.welterbeimharz.de/welterbe-im-harz/altstadt-von-goslar/kaiserpfalz-goslar">Goslar und die Kaiserpfalz</a>!</strong></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Quellen und zum Weiterlesen:</strong></p>
<p>Monika Arndt: „Der Weißbart auf des Rotbarts Throne“. Mittelalterliches und Preußisches Kaisertum in den Wandbildern des Goslarer Kaiserhauses, Göttingen 1977.</p>
<p>Monika Arndt: Die Goslarer Kaiserpfalz als Nationaldenkmal. Eine ikonographische Untersuchung.</p>
<p>Christoph Gutmann u. Volker Schadach: Kaiserpfalz Goslar, Goslar 2002.</p>
<p>Rudolf Kreutner (Hrsg.): Der Weltpoet. Friedrich Rückert (1788-1866) – Dichter, Orientalist, Zeitkritiker, Schweinfurt 2016.</p>
<p>Günter Schäfer-Hartmann: Literaturgeschichte als wahre Geschichte. Mittelalterrezeption in der deutschen Literaturgeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts und politische Instrumentalisierung des Mittelalters durch Preußen, Frankfurt a. M. 2009.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Evas Reise</title>
		<link>https://texterei-schramm.de/2022/02/28/evas-reise/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Christine Schramm]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 28 Feb 2022 18:52:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>
		<category><![CDATA[18. Jahrhundert]]></category>
		<category><![CDATA[Bamberg]]></category>
		<category><![CDATA[Eva König]]></category>
		<category><![CDATA[Franken]]></category>
		<category><![CDATA[Rattelsdorf]]></category>
		<category><![CDATA[Reisen]]></category>
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					<description><![CDATA[Es ist allgemein üblich, VIPs der Geschichte zu feiern, die am Ort geboren wurden, verstarben oder eine Zeit lang hier gelebt und gewirkt haben. Die Töchter und Söhne der Stadt sorgen lange nach ihrem Tod immer wieder für Jubiläen, übernehmen postum Namenspatenschaften für allerlei Kulturelles und stabilisieren den Tourismus – Phänomene einer lebendigen (Erinnerungs-)Kultur! Für [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Es ist allgemein üblich, VIPs der Geschichte zu feiern, die am Ort geboren wurden, verstarben oder eine Zeit lang hier gelebt und gewirkt haben. Die Töchter und Söhne der Stadt sorgen lange nach ihrem Tod immer wieder für Jubiläen, übernehmen postum Namenspatenschaften für allerlei Kulturelles und stabilisieren den Tourismus – Phänomene einer lebendigen (Erinnerungs-)Kultur! Für uns Nachgeborene ist es eine abenteuerliche Entdeckungsreise, zurückzublicken, an Orte des Geschehens zu fahren und auf den Spuren von Berühmtheiten zu wandeln. Vor Ort sehen wir mit eigenen Augen, was die Lichtgestalt anno dazumal auch gesehen hat, betreten die selben Stufen, lassen die selben Dielenbretter unter unseren Füßen knarren. Was für ein Erlebnis!</p>
<h4><strong>Fränkischer Lokalpatriotismus 😉</strong></h4>
<p>In meiner Heimatstadt Bamberg gibt es glücklicherweise alte Stufen und knarrendes Parkett aus vielen Jahrhunderten. Im Mittelalter galt Bamberg eine ganze Weile als „Nabel der Welt“. Doch in den folgenden Jahrhunderten liefen dem fränkischen Hochstift andere Orte den Rang ab. Im 18. Jahrhundert war hier kulturell wenig los. Für national und international bekannte Leuchtpersonen in Kunst und Wissenschaft war Bamberg auf der Route von Norden nach Süden (und umgekehrt) lediglich ein Stopp für Pferdewechsel, Pippipause und Leberkäsbrödla.</p>
<div id="attachment_626" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-626" class="wp-image-626 size-medium" src="https://texterei-schramm.de/wp-content/uploads/2022/02/Goethe-Hegel-Hoffmann-in-Bamberg-300x300.jpg" alt="Berühmte Besucher in Bamberg" width="300" height="300" /><p id="caption-attachment-626" class="wp-caption-text">Goethe, Hegel und Hoffmann waren Bamberg</p></div>
<p>Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts verschlägt es G.F.W. Hegel für ein ganzes Jahr hier her. Er arbeitet als Redakteur der Bamberger Zeitung, vollendet <em>Die Phänomenologie des Geistes</em> und versäumt dabei nicht, das Bamberger Bier zu loben. Ein Jahr nach seiner Abreise tritt E.T.A. Hoffmann den Posten des Musikdirektors am Theater, das heute nach ihm benannt ist, an. Bamberg taucht in Hoffmanns Werk immer wieder auf, aber lange hielt es den Romantiker nicht in Franken.</p>
<p>Als Lessing-Forscherin würde es mir gut gefallen, wenn der Aufklärer eine Spur in der fränkischen Gegend hinterlassen hätte. Und tatsächlich habe ich etwas gefunden!</p>
<h4><strong>Vor 250 Jahren in Rattelsdorf</strong></h4>
<p>Eva König, mit der G.E. Lessing heimlich verlobt ist, schreibt zwei Briefe aus einem Dorf wenige Kilometer nördlich von Bamberg. Ihre Schilderung der zurückliegenden Ereignisse gehört zum Spannendsten, das der überaus lesenswerte Briefwechsel der beiden zu bieten hat. Am 28. Februar 1772 – vor genau 250 Jahren! – strandet Eva König in „Rattelsdorf, zwei Meilen diesseits Bamberg, ohne zu wissen ob wir heute, morgen oder übermorgen wegkommen.“ Hinter ihr liegen „36 Stunden“ blankes Abenteuer.</p>
<h4><strong>Eine moderne Frau</strong></h4>
<p>Eva König, geb. Hahn (1736-1778), lebt mit ihren Kindern in Hamburg. Ihr Mann, der Kaufmann Engelbert König, der mehrere Textilmanufakturen betreibt, stirbt 1769 auf einer Geschäftsreise in Venedig. Nach Klärung sämtlicher Nachlassfragen bleiben Eva Manufakturen in Wien. Was soll sie damit anfangen? Keines der Kinder ist alt genug, um in die Fußstapfen des Vaters zu treten. Eva selbst kann und will sich mit dem Betrieb nicht belasten. Also muss sie die Firma möglichst vorteilhaft verkaufen. Sie braucht genügend Mittel, um ihre Kinder versorgen und ihnen eine Perspektive bieten zu können. Eva nimmt ihr Schicksal und den Verkauf der Firmen in die eigene Hand und stellt sich mit erstaunlichem Mut sämtlichen Herausforderungen.</p>
<p>Beim Lesen der <em>Briefe aus der Brautzeit 1770-1776</em>, dem Briefwechsel zwischen Eva König und G.E. Lessing (1729-1781), gewinnt man schnell den Eindruck, dass Eva durchaus das Zeug dazu hatte, die Firmen selbst weiterzuführen. Sie war eine dieser selbstbewussten, bodenständigen Frauen, die Lessing sich schon mehrmals für seine Dramen erdacht hat. 1767 trifft er sie in Hamburg leibhaftig. Gerade erst hat er <em>Minna von Barnhelm</em> vollendet und zieht in die Hansestadt, wo er an einem neuartigen Theaterprojekt mitwirken soll. Lessing wird in Hamburg freundlich aufgenommen und freundet sich mit Engelbert König und seiner Familie an. Er wird sogar Taufpate des jüngsten Sohnes.</p>
<div id="attachment_618" style="width: 366px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-618" class="size-full wp-image-618" src="https://texterei-schramm.de/wp-content/uploads/2022/02/Coburg_Bamberg.jpg" alt="Von Coburg nach Bamberg" width="356" height="885" srcset="https://texterei-schramm.de/wp-content/uploads/2022/02/Coburg_Bamberg.jpg 356w, https://texterei-schramm.de/wp-content/uploads/2022/02/Coburg_Bamberg-121x300.jpg 121w" sizes="(max-width: 356px) 100vw, 356px" /><p id="caption-attachment-618" class="wp-caption-text">Die Reiseroute von Coburg nach Bamberg</p></div>
<h4><strong>Eine Reise im 18. Jahrhundert</strong></h4>
<p>Der Legende nach habe Engelbert König kurz vor seiner verhängnisvollen Geschäftsreise Lessing darum gebeten, sich um seine Familie zu kümmern, sollte ihm etwas zustoßen. Ganz unwahrscheinlich ist eine Absprache wie diese nicht. Weite Reisen bargen damals große Risiken und viele Gefahren, wie wir im Folgenden sehen werden. 1771 verloben sich Lessing und Eva heimlich. Im Grunde führen sie von 1770 bis zu ihrer Hochzeit 1776 eine Fernbeziehung. Zweimal reist Eva in dieser Zeit nach Wien und pflegt den Kontakt zu ihrem Verlobten in den überlieferten Briefen. Die Abwicklung der Manufakturen zieht sich lange hin. Für die zweite Reise, diesmal in Begleitung ihres Schwagers, wählt sie eine ungünstige Jahreszeit.</p>
<h4><strong>Eva König an Lessing am 28. Februar 1772</strong></h4>
<p>„Mein lieber Freund!</p>
<p>Von einem Dorfe, das sich Rattelsdorf nennt, haben Sie wohl in Ihrem Leben nichts gehört? Auf dem sitzen wir nun beinahe vierundzwanzig Stunden, und wer weiß, ob wir nicht noch viermal vierundzwanzig Stunden hier aushalten müssen. Es kommt auf den Main an, ob der fallen will; so wie er jetzt ist, ist er nicht zu passieren, wenn man auch was wagen wollte. – So viele Hindernisse, wie wir auf dieser Reise angetroffen, mit solchen Beschwerden und Gefahren verknüpft, habe ich in meinem Leben nicht ausgehalten. Es lassen sich wenig Unfälle mehr denken, die uns nicht schon alle begegnet sind.“</p>
<p>Andauernder Regen hat den Main, die Itz und ihre Bäche über die Ufer treten lassen und für weitläufige Überschwemmungen gesorgt. Die Flüsse müssen schon durch die Schneeschmelze viel Wasser geführt haben. Fährt man heute zu dieser Jahreszeit auf der gleichen Strecke, bietet sich ein ganz ähnliches Bild. Leider gab es im 18. Jahrhundert hier keine ausreichend befestigten Straßen.</p>
<h4></h4>
<h4><strong>Sämtliche Strapazen</strong></h4>
<p>Eva König und Ihr Schwager sind mit der Kutsche unterwegs. Seit Coburg schon quält sich Eva mit Übelkeit und Erbrechen. Zwei Achsbrüche und weitere Schäden am Wagen stehen sie aus, da ereignet sich eine Szene wie aus einem Actionfilm:</p>
<p>„…die Pferde sind mit uns durchgegangen, und haben über solche Graben und Hügel gesetzt, dass wir nicht anders, als den schrecklichsten Tod vor Augen sahen, bis endlich, da sie eben wieder über einen tiefen Graben setzen wollten, die Stränge des einen Zugpferdes rissen. Zu unserem größten Glück! Denn dadurch verloren sie die Macht über den Graben zu setzen, und kehrten auf die andere Seite um, wo uns Bauern zu Hilfe eilten, die sie auch glücklich erhaschten.“</p>
<p>Am nächsten Tag stürzt eines der Pferde und verletzt sich schwer. „Der Postillion war ein Original. So gut als dumm, beides im äußersten Grade. O Gott, o Gott! War alles, was er vier Stunden lang sagte, wobei er beständig fortarbeitete, um das Pferd auf die Beine zu bringen; es war aber so kraftlos, dass, wenn er es auch etwas in die Höhe hatte, es gleich wieder auf die Seite fiel, wobei er hundertmal in Gefahr war, sein Leben zu verlieren. Ich schrie in einem weg: Kerl, seid nicht rasend, das Tier ist hin, was wollt ihr euch denn auch noch unglücklich machen? Ei, was! Gab er mir immer zu Antwort, da es mit meinem Pferde so ist, so mag es mit mir werden wie es nur immer will. Ich sagte, er sollte fortfahren. – Nein wenn Sie mich auch prügelten, so gehe ich nicht von meinem Pferde, solange ich noch Hoffnung habe;“</p>
<p>Die Mühen des Postillions sind leider umsonst. Er besteht darauf, das tote Tier mit Hilfe der anderen Pferde auf ein Feld zu schleppen. Aus dem nächsten Dorf holt er Heu und Stroh. Mit dem Stroh deckt der das Pferd zu, das Heu legt er bereit, damit es etwas zu Fressen findet, wenn es doch wieder aufwacht. Ist das nicht rührende Tierliebe? Wir stellen uns den Umgang mit Nutztieren damals recht pragmatisch vor. Dem armen Postillion könnten wir leicht unterstellen, dass er das Pferd aus wirtschaftlichen Sorgen nicht aufgeben will. Aber so ein halsbrecherisches Engagement für den vierbeinigen Arbeitskollegen über vier Stunden hinweg und der liebevolle Umgang mit dem leblosen Tier zeugt von großer Tierliebe. Eva König hat ganz Recht, wenn sie den Postillion als gut „im äußersten Grade“ beschreibt. Auch Lessing hätte ihr da zugestimmt, denn „der mitleidigste Mensch ist der beste Mensch. Zu allen gesellschaftlichen Tugenden, zu allen Arten Großmut der aufgelegteste.“</p>
<div id="attachment_620" style="width: 179px" class="wp-caption alignright"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-620" class="size-medium wp-image-620" src="https://texterei-schramm.de/wp-content/uploads/2022/02/Briefe-aus-der-Brautzeit-169x300.jpg" alt="Briefwechsel zwischen Verlobten: Eva König und Gotthold Ephraim Lessing" width="169" height="300" /><p id="caption-attachment-620" class="wp-caption-text">Lesend in der Zeit zurückreisen und ganz private Seiten kennen lernen: die Briefe aus der Brautzeit von Eva König und G.E. Lessing</p></div>
<h4><strong>Noch ’n Lessing-Zitat</strong></h4>
<p>Endlich geht die Fahrt weiter – für „kaum eine Viertelstunde“, da stürzt ein zweites Pferd. Dieses Tier kann gerettet werden, doch der Wagen steht im Wasser und steckt in Schlamm fest. Eva und ihr Schwager steigen aus und stapfen 45 Minuten durch schlammiges Gelände ins nächste Dorf, um Hilfe zu holen. „Bei jedem Schritt, den ich tat, musst ich die Beine mit Macht aus der Erde ziehen und es regnete, dass ich keinen trockenen Faden auf dem Leibe behielt.“</p>
<p>Als der Wagen endlich geborgen und wieder fahrtüchtig ist, geht es auch mit dem Schlamassel weiter, „denn wir mussten noch durch drei Gewässer, die alle drei in den Wagen kamen. Das letzte war so hoch, dass alles, was im hinteren Chaisekasten [Kofferraum] lag, nass wurde.“</p>
<p>Letztendlich stand die ganze Etappe, wie Evas Schwager immer wieder bemerkte, unter Lessings aktuellem Motto: „Es ist wahrhaft ein hundsfüttisch Leben.“</p>
<p>Am 2. März sitzt Eva immer noch in Rattelsdorf fest. Insgesamt wartet sie 5 Tage darauf, weiterreisen zu können. Während das durchweichte Gepäck trocknet, vertreiben sie und ihr Schwager sich die Zeit mit Lesen. Freilich können die Reisenden diese erzwungene Pause nicht recht genießen, aber eine gewisser Erholung von den jüngsten Strapazen dürften sie im fränkischen Rattelsdorf doch gefunden haben. Bis Nürnberg liegen noch einige überflutete Meilen vor Eva und ihrem Schwager.</p>
<p>Wie es weitergeht mit der Reise, der Samt- und Seidenmanufaktur und mit Eva und Gotthold? Lesen Sie sie Briefe aus der Brautzeit!</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Eine Auswahl zum Weiterlesen:</p>
<ul>
<li>Wolfgang Albrecht (Hg.): Gotthold Ephraim Lessing /Eva König: Briefe aus der Brautzeit 1770-1776, mit einem Einleitenden Essay von Walter Jens, Weimar 2000.</li>
<li>Petra Oelker: „Ich küsse Sie tausendmal“. Das Leben der Eva Lessing, Berlin 2005.</li>
</ul>
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		<title>Der Freigeist, die Pressefreiheit und die Satire</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Christine Schramm]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 10 Mar 2021 13:28:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>
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					<description><![CDATA[Der Freigeist… …der mit seinem Spitznamen Pate steht für die Denk-Werkstatt der Texterei Schramm, wurde vom Literaturwissenschaftler Dieter Hildebrandt als „Genie des Ärgernisses“ bezeichnet. Christlob Mylius (1722-1754), so sein bürgerlicher Name, wird oft zusammen mit G. E. Lessing erwähnt, weil sie eng befreundet waren und eine Zeitlang zusammen publizierten. Sie waren eher verschwägert als verwandt, [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Der Freigeist…</strong></p>
<p>…der mit seinem Spitznamen Pate steht für die Denk-Werkstatt der Texterei Schramm, wurde vom Literaturwissenschaftler Dieter Hildebrandt als „Genie des Ärgernisses“ bezeichnet. Christlob Mylius (1722-1754), so sein bürgerlicher Name, wird oft zusammen mit G. E. Lessing erwähnt, weil sie eng befreundet waren und eine Zeitlang zusammen publizierten. Sie waren eher verschwägert als verwandt, doch eine gewisse Brüderlichkeit gründet bereits in ihrer Herkunft. Beide sind Pastorensöhne der Oberlausitz. Mylius ist nur 6 Jahre älter als Lessing. Beide sorgen für Unruhe im Establishment und beide haben die Aufklärung im Blut – den Drang nach Wissen und eine erfrischende Geringschätzung für Konventionen.</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-602 size-full aligncenter" src="https://texterei-schramm.de/wp-content/uploads/2021/03/Vignette.jpg" alt="" width="192" height="166" /> <strong>… und sein Image</strong></p>
<p>In Leipzig, der pulsierenden Aufklärungsmetropole, studiert Mylius Medizin. Die Naturwissenschaft ist seine große Leidenschaft, doch er findet kein Auskommen auf diesem Gebiet. Also hält er sich über Wasser mit dem, wofür er leichter Kundschaft findet: Er schreibt. In Leipzig gehört er zu den jungen Ghostwritern um den Poetik-Professor Johann Christoph Gottsched. Aus diesem Abhängigkeitsverhältnis bricht Mylius bald aus und gründet selbst Zeitschriften. Bereits die erste, <em>Philologische Untersuchungen und Nachrichten</em> (1744-1746), eckt mit religionskritischen Aufsätzen an. Die protestantische Orthodoxie möchte Fragen der Religion nicht in der Öffentlichkeit thematisiert sehen. Ein echter Aufklärer fasst das als Herausforderung auf, denn alles „geht uns an, alles ist für uns gemacht“,<sup>1</sup> so Voltaire. Bereits 1745 nutzt Mylius sein Image für die Gründung der zweiten Zeitschrift mit dem Titel <em>Freygeist</em>. Sie erscheint ein ganzes Jahr lang und bringt es auf 52 Ausgaben. Das ist in der Anfangszeit des Mediums eine ordentliche Leistung, zumal sich das Blatt mit seinem provokanten Titel ganz offen auf eine Konfrontation mit den geistlichen und kulturellen Autoritäten einlässt. Frech und vernünftig ist der <em>Freygeist</em>. Hildebrandt charakterisiert die Texte als Zeugnisse „von der dringlichen Sehnsucht des Aufklärers, Vernunft und Glauben, Gott und die Erscheinungen dieser Welt so überein zu bringen, daß der Verstand nicht abdanken muß.“<sup>2</sup> Die Themen seiner Texte verraten Mylius immer als Mediziner und Naturwissenschaftler. Auf pfiffige Weise bindet Mylius seinen Schwerpunkt regelmäßig in seine Publizistik ein, z. B. in dem Aufsatz „Wider die galante Folter der Schnürbrüste“<sup>3</sup> im <em>Naturforscher</em> (1747-1748), einer nicht streng wissenschaftlichen Wochenschrift aus seiner Feder.</p>
<p>In Leipzig freundet sich Mylius mit Lessing an und nimmt ihn unter seine Fittiche. Vielleicht war er es, der den jungen Gelehrten aus seiner Studierstube lockte und ihm klar machte, wie wichtig es ist, das Leben zu studieren und unter Leute zu kommen – einer der großen Wendepunkte in Lessings Biografie.</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-603 alignright" src="https://texterei-schramm.de/wp-content/uploads/2021/03/Sonnenfinsternis.jpg" alt="Sonne, Mond und Sterne" width="314" height="246" srcset="https://texterei-schramm.de/wp-content/uploads/2021/03/Sonnenfinsternis.jpg 314w, https://texterei-schramm.de/wp-content/uploads/2021/03/Sonnenfinsternis-300x235.jpg 300w" sizes="(max-width: 314px) 100vw, 314px" /></p>
<p><strong>Gazetten, Glanz und Gloria</strong></p>
<p>Eine Sonnenfinsternis lockt Mylius im Sommer 1748 nach Berlin. Er bleibt noch etwas länger und beobachtet zusammen mit dem Mathematiker Leonhard Euler (1707-1783) die 14 Tage darauffolgende Mondfinsternis. Und wenn er schon mal da ist, im aufgeklärten Berlin, dann bleibt er eben und mischt die Printmedien der preußischen Metropole auf.</p>
<p>Friedrich II. ist ein großer Förderer der Aufklärung, ein Freund der Bücher und der Zeitung. Gleich zu Beginn seiner Regierung 1740 erlässt er die Pressefreiheit mit dem Befehl, „daß dem hiesgen Berlinischen Zeitungsschreiber eine unumschränkte Freiheit gelassen werden soll“ und „daß Gazetten, wenn sie interessant sein sollten, nicht geniert werden müßten.“<sup>4 </sup>Ideale Bedingungen für Mylius! 1749 gründet er in Berlin die nächste Zeitschrift, den <em>Wahrsager</em>, der es allerdings auf nur 20 Ausgaben bringt. Das Gesellschaftsblatt mit jeder Menge Klatsch, Tratsch und Skandal steht unter keinem guten Stern.</p>
<p>Schnelle Texte, schmutzige Wäsche, gutes Geld – das ist das ungenierte Konzept des <em>Wahrsagers.</em> Offensichtlich verpackte der Autor die gut verkäufliche Ware nicht anständig genug. Lessing, der Mylius nach Berlin gefolgt ist und sich auch als Journalist verdingt, charakterisiert die Zeitschrift wie folgt: „Die Schreibart ist nachlässig, die Moral gemein, die Scherze sind pöbelhaft, und die Satyre ist beleidigend. Er schonte niemanden und hatte nichts Schlechteres zur Absicht, als seine Blätter zur scandalösen Chronik der Stadt zu machen.“<sup>5</sup></p>
<p>Letztendlich erreicht Mylius mit dem <em>Wahrsager</em> die Wiedereinführung der Zensur in Preußen. Doch eigentlich haben Autoren ganz anderer Prominenz den König an die Grenzen seiner Toleranz getrieben.</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class=" wp-image-605 alignleft" src="https://texterei-schramm.de/wp-content/uploads/2021/03/Presse.jpg" alt="Zeitungsjunge" width="231" height="305" srcset="https://texterei-schramm.de/wp-content/uploads/2021/03/Presse.jpg 275w, https://texterei-schramm.de/wp-content/uploads/2021/03/Presse-227x300.jpg 227w" sizes="(max-width: 231px) 100vw, 231px" /></p>
<p><strong>Ideal – ein Skandal!</strong></p>
<p>Zu den Lieblingsprojekten Friedrichs II. gehört die königliche/preußische Akademie der Wissenschaften in Berlin, eine der zentralen Institutionen der Aufklärung, die der König mit französischen Philosophen schmückt. Mit ausgewählten Denkern trifft er sich täglich zu einer geistreichen Tafelrunde. Der Arzt und Autor Julien Offray de La Mettrie (1709-1751), der dichtende Philosoph Voltaire (1694-1778) und viele andere finden in Potsdam Auskommen, Unterkunft und königliche Anerkennung, auch wenn sie bei ihren Heimatfürsten in Ungnade gefallen sind.</p>
<p>Im großen moralphilosophischen Diskurs könnte man die Akademie als Bastion der Freigeister bezeichnen. Gegen militärische Metaphern hat der Alte Fritz sicher nichts einzuwenden. Orthodoxe, vernünftige Christen, Deisten und Atheisten schießen scharf, um die eigene Weltanschauung zu verteidigen. Ihr kleinster gemeinsamer Nenner: Die Tugend – der Sammelbegriff für psychologisch und gesellschaftlich förderliche Eigenschaften und Verhaltensweisen. Im Ringen um Rechtfertigung beansprucht jede Partei die Tugend für sich und macht sie den Gegnern streitig. Bei kühlem Kopf könnte man sich genau in diesem Punkt treffen, aber bei Streitenden ist es mit Vernunft und Gelassenheit nicht weit her. In diesem hitzigen Tintenkrieg lässt La Mettrie immer wieder Bomben hochgehen. So zum Beispiel Ende 1748: Der Leibarzt und Vorleser des Königs übersetzt Senecas <em>Vom glücklichen Leben</em> (De vita beata). Dem Verleger Christian Friedrich Voß gaukelt er vor, er habe die Erlaubnis des Königs dieses Werk drucken zu lassen und stellt dem antiken Text einen explosiven Essay voran: <em>Über das Glück oder das Höchste Gut</em> – auch bekannt als <em>Anti-Seneca.</em> Darin degradiert er die Tugend zu einer von vielen, beliebigen Methoden, glücklich zu leben. Im Grunde bestimme aber der Körper über den Geist und den Willen und das Gewissen sei eine Idee, die dem persönlichen Glück nur im Wege stehe.</p>
<p>Das geht selbst Friedrich II. zu weit, der dem <em>enfant terrible</em> bislang erlaubt hat frei zu schreiben. Der Fürst hat nun auch Voß auf dem Zettel, den Verleger, bei dem auch Mylius’ <em>Wahrsager</em> erscheint. Eine heikle Situation, in der ein Kerl wie Mylius die Feder nicht stillhalten kann.</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class=" wp-image-604 alignright" src="https://texterei-schramm.de/wp-content/uploads/2021/03/Roboter.jpg" alt="mechanischer Mensch" width="152" height="246" /></p>
<p><strong>Roboter, Satire und das Revival der Zensur</strong></p>
<p>Das anstößige Werk <em>L’home machine</em> (der mechanische Mensch) hat La Mettrie den Spitznamen <em>monsieur machine</em>eingehandelt. Bereits in einer der ersten <em>Wahrsager</em>-Ausgaben 1749 stellt Mylius die Theorie auf, <em>monsieur machine</em>sei tatsächlich eine Art Roboter und der Werkstatt des Erfinders Jacque de Vaucanson (1709-1782) entsprungen. Im Februar malt Mylius diese Idee weiter aus zu einer Satire auf die mechanischen Unterrichtsmethoden an Schulen und Universitäten.</p>
<p>Er demontiert La Mettrie und macht aus dessen mechanistischen Weltbild Munition für seine Kritik am Bildungssystem. Es sind zwar nur Papierkügelchen, aber die Berliner Lehrer fühlen sich angegriffen und schlagen Alarm. Wieder wird der Verleger Voß verwarnt. Bei all dem Konfliktpotential wundert es kaum, dass Regierungsbeamte schon eine ganze Weile dem König zur Wiedereinführung der Zensur raten. Die Satire steht in der Schusslinie. Kommt uns das nicht bekannt vor?</p>
<p>Jetzt fehlt nur noch wenig: ein anzügliches Thema, missverstandene Ironie und ein paar Stimmen, die laut genug schreien. Eine humoristische Rechtfertigung ehelicher Untreue, vermutlich aber der Lärm, den einige Rezipienten darum machen, bringt das Fass zum Überlaufen und sprengt den königlichen Geduldsfaden.</p>
<p>Am 17. Mai 1749 wird die Zensur eingeführt und der <em>Wahrsager</em> wird verboten. Den entsprechenden Erlass verkündet Kriegsminister Dohms (apropos militärische Metaphern): „Nur was auf die eine oder andere Weise den Staat angreift, was wahre Tugend beleidigt und das Laster verteidigt oder die Einbildung zur Begehung desselben geradezu anreizt, was die allgemeine und vernünftige Religion angreift, was gute Sitten und den allgemein eingeführten Wohlstand verletzt, was die Ehre und den guten Namen eines Dritten beleidigt – nur dieses darf ein Zensor in <em>Friedrichs</em> Staaten ausstreichen; alles übrige muß er unberührt lassen, es mag im übrigen wahr oder falsch, klug oder ungereimt, witzig oder abgeschmackt erscheinen.“<sup>6 </sup>Das klingt recht gemäßigt, hatte aber starke Hemmwirkung auf den preußischen Journalismus.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Gescheiterte Pressefreiheit </strong></p>
<p>Eine warnende Geste La Mettrie und seinem übertölpelten Verleger gegenüber hatten nicht ausgereicht, um die Affäre unter den Teppich zu kehren. Nein, da kam dieser ungenierte Journalist und musste das Thema immer wieder hervorzerren, frei<em>geistig</em> nach dem Motto: „Alles geht uns an, alles ist für uns gemacht.“ An Mylius’ <em>Wahrsager</em>, statuiert Friedrich II. ein Exempel. Dabei hatte Mylus über das eigentliche Ärgernis gespottet, die Ideen von La Mettrie adaptiert und mit eigenen kritischen Aussagen aufgeladen. Seine Satire griff wohl zu oft die anstößigen Thesen des königlichen Günstlings auf. Sicherlich hatte der <em>Wahrsager</em> weit mehr Leser als La Mettries Schriften. Die Artikel machten den Inhalt von La Mettries Büchern erst bekannt.</p>
<p>Sind wir mal ehrlich: Wie oft nehmen wir politische Ereignisse, gesellschaftliche und kulturelle Skandale oder Personen des öffentlichen Interesses erst in der Comedy war? Trotz oder gerade wegen der stetig steigenden Informationsflut, denn Satire gelingt es, unser Interesse für so manche Themen erst zu wecken, indem sie mit Humor die verqueren Zusammenhänge auf einen Punkt bringt.</p>
<p>Ironie der Publicity: Wer ganz vorne in der Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit steht, bekommt auch die meiste Aufmerksamkeit der Kritiker. So kommt es zu den Forderungen, dass nicht etwa unzureichende Politik, sondern Satire in ihre Schranken gelenkt werden soll. Doch Satire kennt keine Schranken. Sie steht immer außen, blickt auf die Welt und hält uns den Spiegel vor. Sie ist ein wichtiger Informationskanal und bringt ans Licht, was für viele verborgen bliebe. Satire klärt auf!</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Mylius hat seine Beobachtungsgabe schließlich intensiver der Naturwissenschaft gewidmet. Er wollte Nordamerika zu Forschungszwecken bereisen. Doch über den großen Teich hat er es nicht geschafft. Gerade 32-jährig erlag er in London einem Fieber. Spekulationen, was er alles hätte erreichen können, sind mühsam. Mylius war ein Heißsporn der Aufklärung und wagemutig vom kleinsten Zeitungswitz bis zum großen Forschungsprojekt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<pre><sup>1</sup> Zit. n.: Dieter Hildebrandt: Christlob Mylius, Ein Genie des Ärgernisses, Berlin 1981, S. 27.
<sup>2 </sup>Ebd., S. 24.
<sup>3</sup> Nachzulesen ebd., S. 87 ff. oder Christlob Mylius, Vermischte Schriften, gesammelt von Gotthold Ephraim Lessing, Berlin 1754 (Reprint 1971).
<sup>4</sup> Zit. n.: Hildebrandt, S. 35.
<sup>5 </sup>Gotthold Ephraim Lessing: <em>Werke und Briefe</em> in zwölf Bänden. Band 3. Hg. Conrad Wiedemann mit Wilfried Barner und Jürgen Stenzel, Frankfurt/M. 2003, S. 340.
<sup>6</sup> Zit. n.: Hildebrandt, S. 38.</pre>
<p>Zum Weiterlesen<br />
Dieter Hildebrandt: Christlob Mylius, Ein Genie des Ärgernisses, Berlin 1981.<br />
Monika Fick: Lessing Handbuch. Leben, Werk, Wirkung. Stuttgart/Weimar 2010.<br />
Hugh Barr Nisbet: Lessing. Eine Biographie. München 2008.<br />
Dieter Hildebrandt: Der Wahrsager <a href="https://www.tagesspiegel.de/kultur/der-wahrsager/497058.html">https://www.tagesspiegel.de/kultur/der-wahrsager/497058.html</a></p>
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		<title>Der Freigeist auf der Bühne – Ideen zu Lessings Komödie</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Christine Schramm]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 16 Dec 2020 16:17:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>
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					<description><![CDATA[Detail vom Lessing-Denkmal am Gänsemarkt in Hamburg, symbolisiert die Komödie Spannende Kontroversen Gegen Mitte des 18. Jahrhunderts blüht die Aufklärung vielfältig und bunt. Noch heute verbinden wir mit der Epoche neben bahnbrechenden wissenschaftlichen Erkenntnissen auch die Philosophie, die freier als zuvor alternative Weltanschauungen zu Religion und Bibeltreue hervorbringt. Da nicht mehr jedem Kritiker die Hölle [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<pre>Detail vom Lessing-Denkmal am Gänsemarkt in Hamburg, symbolisiert die Komödie

</pre>
<h3><strong>Spannende Kontroversen</strong></h3>
<p>Gegen Mitte des 18. Jahrhunderts blüht die Aufklärung vielfältig und bunt. Noch heute verbinden wir mit der Epoche neben bahnbrechenden wissenschaftlichen Erkenntnissen auch die Philosophie, die freier als zuvor alternative Weltanschauungen zu Religion und Bibeltreue hervorbringt. Da nicht mehr jedem Kritiker die Hölle heiß gemacht wird, sind endlich Kontroversen möglich. Umso hitziger wird die Debatte um die ‚richtige‘ Weltanschauung in den Medien geführt.</p>
<p>Es bildeten sich Lager – vereinfacht: das im besten Wortsinn konservative Lager der Theologen und das progressive, zu dem sämtliche ‚Freigeister‘ zu zählen sind. Der Tonfall der Veröffentlichungen und Predigen zum Thema war oft aggressiv. Man bedenke: Es geht um Weltbilder! Die Idee der Meinungsfreiheit entwickelt sich in dieser Zeit erst aus eben solchen Kontroversen.</p>
<h3></h3>
<h3><strong>Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!</strong></h3>
<p>Es begab sich zu jener Zeit – Ende der 40er Jahre des 18. Jahrhunderts – ein junger Literat namens Gotthold Ephraim Lessing in die Stadt Friedrichs II. Der Preußenkönig ist gerade dabei, das lauschige Berlin zu einem Hotspot der Aufklärung zu machen. Er versammelt Philosophen und Gelehrte um sich. Viele der großen Denker importiert er aus Frankreich, darunter auch Voltaire und La Mettrie. Besonders Letzterem haben die Freigeister ihr schlechtes Image zu verdanken. Mit provokanten Ansichten und der Verbreitung von lustorientieren Glücksvorstellungen zieht er den Zorn seines Gönners auf sich. Er ist sogar in den Skandal verwickelt, der dazu führt, dass in Preußen zeitweise die Zensur wieder eingeführt wird. <em>Lesen Sie mehr zu diesem Fall im nächsten Beitrag der Freigeisterei!</em></p>
<h3></h3>
<h3><strong>Väterliche Sorgen</strong></h3>
<p>In Berlin verdingt sich der junge Lessing als Journalist, die Feder stets am Puls der Zeit. Dem Theater hält er die Treue mit Rezensionen, Übersetzungen und Komödien. Er träumt davon, ein großer Komödienautor zu werden. Sehr zum Unwillen seines Vaters, der im sächsischen Kamenz Hauptpastor ist und es noch immer nicht verdaut hat, dass sein Sohn ‚was mit Medien macht‘ und dann auch noch Unterhaltung! Davon zeugen die Briefe Lessings an seinen Vater aus dem Frühjahr 1749.<sup>1</sup> Offensichtlich hat sich der Vater an mehreren Stellen nach Lessing erkundigt und versucht nach eigenen Vorstellungen Einfluss auf die Laufbahn seines Sprösslings zu nehmen. Dieser Übergriff und die Vorurteile sind für den 20-jährigen Lessing bitter. Die Vorwürfe des Vaters, der die ihm fremde Welt des Theaters unter Generalverdacht stellt, tun weh.</p>
<h3></h3>
<h3><strong>Top, die Wette gilt!</strong></h3>
<p>Die große Kontroverse zwischen Theologen und Freigeistern scheint in dem familiären Konflikt wiederzukehren. Lessing ist ein unabhängiger Denker, der mit vielen Ideen neue Wege beschreitet, doch er ist keiner der verlorenen Söhne. Wie könnte er seinen Vater endlich davon überzeugen? „Und wenn ich ihnen nun gar verspräche eine Comoedie zu machen, die nicht nur die H. Theologen lesen sondern auch loben sollen?“, schlägt er vor. „Halten sie mein Versprechen vor unmöglich? Wie wenn ich eine auf die Freigeister und auf die Verächter ihres Standes machte?“ (Brief vom 28.04.1749)</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-576 alignnone" src="https://texterei-schramm.de/wp-content/uploads/2020/12/Grafik_Theater-300x217.jpg" alt="zwei Masken symbolisieren die Komödie und Tragödie" width="315" height="228" /></p>
<h3><strong>Vorhang auf!</strong></h3>
<p>Zu diesem Zeitpunkt ist „Der Freigeist“ schon fertig: Ein Lustspiel in fünf Aufzügen. Auch die Komödie überträgt den großen Konflikt in ein familiäres Setting. Im Haus von Lisidor sind Adrast, der Freigeist, und Theophan, ein junger Geistlicher, zu Gast. Sie haben sich gerade mit Lisidors Töchtern verlobt: Adrast mit der lebenslustigen Henriette und Theophan mit der besonnenen Juliane. Klingt nach dem perfekten Matching.</p>
<p>Theophan möchte mit seinem künftigen Schwippschwager Freundschaft schließen trotz ihrer unterschiedlichen Weltanschauungen. Doch Adrast beharrt auf seinen Vorurteilen den Geistlichen gegenüber, zelebriert sich als Opfer von Intoleranz und will nichts mit Theophan zu tun haben. Die Bekehrung des Freigeists zur Freundschaft wird im Laufe des Stücks zu Theophans Projekt, das er durchzieht, „es mag auch kosten, was es will“ (3/1/S. 41).<sup>2 </sup>Doch alle Argumente und Freundschaftsbeweise sind wirkungslos. Theophan ahnt lange nicht, warum Adrast ihn wirklich hasst: Der Freigeist liebt Juliane.</p>
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<h3><strong>Irrungen und Wirrungen</strong></h3>
<p>„Vorurteile und eine unglückliche Liebe sind zwei Stücke, deren eines schon hinreichet, einen Mann zu etwas ganz anderm zu machen, als er ist“, resumiert Theophan gegen Ende des Stücks (5/3/S. 85).<sup>2</sup> Und hier kommt beides zusammen! Adrast, der Freigeist, ist alles andere als frei. Wie Theophan bereits in der ersten Szene diagnostiziert, fehlt ihm ein wichtiges ‚Wahrnehmungsorgan‘. Adrast prüft alles nur mit dem Verstand – einem Verstand, der sich auf Vorurteile versteift hat. Das Herz kommt nicht zum Einsatz. So bleibt der ‚freie‘ Geist gefangen und unbeweglich. Adrasts Weltanschauung ist geprägt von schlechten Erfahrungen und besteht vor allem darin, dass andere schlecht von ihm denken und ihm schaden wollen. Er prophezeit dem Theophan: „Sie werden sich freuen, mich zugrunde zu richten, und ich werde mich freuen, Sie von ganzem Herzen hassen zu können,“ (3/6/S. 51) – eine durch und durch negative Sicht, in der sich alle destruktiven Kräfte gegen Adrast selbst richtigen. Er ist blind für die Realität: Theophan will ihm aus großen finanziellen Schwierigkeiten helfen. Doch Adrast schlägt alles aus und vermutet hinter jeder Freundlichkeit Intrige und Verrat.</p>
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<h3><strong>Neue Komödien braucht das Land!</strong></h3>
<p>Lessing hatte dem Vater angekündigt, dass diese Komödie den Theologen gefallen würde, weil sie „die Verächter ihres Standes“ zum Gegenstand der Komik macht. Was hat Lessing in dieser Komödie an die Geistlichen adressiert? Die Story, in der ein Freigeist fast sein Liebesglück verscherzt vor lauter Überheblichkeit? Das dürfte ihr Interesse wecken! Aber das ist nicht der Kern der Sache.</p>
<p>Lessing schreibt Komödien auf eine ganz neue Art: Die komischen Vögel, Narren und Screwballs sind nicht mehr Gegenstand von reinem Spott. Wir, die Zuschauerinnen und Zuschauer, lachen sie nicht für ihre Irrtümer aus. Lessings Komödien-Figuren berühren uns auch. Sie entsprechen nicht mehr oberflächlichen Klischees, wie in der sächsischen Typenkomödie oder der commedia dell’arte oder. Sie sind so realistisch gestaltet, dass wir nachvollziehen können, woher ihr Verhalten kommt. Die unglückliche Liebe ist die Hauptmotivation für Adrasts Hass auf den vermeintlichen Konkurrenten. Adrast ahnt selbst bis zur Auflösung des Knotens nicht, dass Theophan eigentlich auf Henriette steht.</p>
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<h3><strong>Lachen und Lernen</strong></h3>
<p>Nicht das freie Denken wird in dieser Komödie als lächerlich entlarvt, sondern die Sturheit und Überheblichkeit, die den Blick für die mögliche Glückserfüllung verstellt. Ein Happy End ist erst möglich, als Theophan versteht, dass Adrast nur zu versöhnen ist, wenn er seine Juliane bekommt, und als Adrast versteht, dass niemand seinem Glück im Wege steht. Theophan und Adrast sind individuell gezeichnete Charaktere. Sie verkörpern nicht die Geistlichkeit und die Freidenker, sondern sie stehen für sich als Individuen in einem Bildausschnitt der Wirklichkeit, der nur dezent komisch verzerrt ist. Das bietet uns die Möglichkeit, uns selbst in ihnen oder in einzelnen ihrer Züge wiederzuerkennen.</p>
<p>Besonders wichtig in der Komödie ist für Lessing die Selbsterkenntnis der Zuschauer. Überspitzt: Das Publikum lacht nicht länger über die Figuren, sondern erkennt an den Figuren die eigenen Fehler. Aber Komik schafft es diese Selbsterkenntnis in ein Gefühl von Überwindung, Befreiung und Wachstum zu verwandeln, anstatt zu beschämen und zu bestürzen. Diese (Relief-)Funktion von Komik nutzt Lessing und rehabilitiert die Komödie zu einer Gattung mit moralischem Bildungsauftrag.</p>
<p>Für die Kulturschaffenden wäre es eine große Erleichterung gewesen, wenn konservativere Zuschauer diesen Mehrwert der Komödie erkannt hätten. Theater und Literatur ringen noch Jahrzehnte gegen hemmende Vorbehalte. Doch Lessing wäre vielleicht schon zufrieden gewesen, wenn der ein oder andere erkannt hätte, welche selbstzerstörerische Kraft Vorurteile und Sturheit haben.</p>
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<h3><strong>Anatomie des freien Geistes</strong></h3>
<p>Auch wenn „Der Freigeist“ stellenweise stark Bezug nimmt auf den damaligen Diskurs, ist das Stück nach wie vor aktuell. Auch in heutige Debatten schleichen sich Verhärtungen ein. Aus unfairen Angriffen wachsen Vorurteile und irgendwann kommt der Austausch ganz zum Erliegen. Damit läuft die Diskussion, die eigentlich etwas bewirken wollte, ins Leere und die lebendigen Ideen sterben, ohne jemals auch nur geblüht zu haben.</p>
<p>Denken muss lebendig bleiben! Offene Augen, ein waches Herz und ein freier Kopf sind die Grundausstattung eines aufgeklärten Menschen und die wichtigsten Sinnesorgane eines freien Geistes.</p>
<pre><sup>
1</sup> Vgl.: Gotthold Ephraim Lessing: <em>Werke und Briefe</em> in zwölf Bänden. Band 11/1 Hg. von Helmuth Kiesel mit Georg Braungart und Klaus Fischer, Frankfurt/M. 1987.
<sup>2</sup> Gotthold Ephraim Lessing: Der Freigeist. Stuttgart 1998.

Eine Auswahl zum Weiterlesen:
Monika Fick: Lessing Handbuch. Leben, Werk, Wirkung. Stuttgart/Weimar 2010.
Hugh Barr Nisbet: Lessing. Eine Biographie. München 2008.</pre>
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		<title>Denken muss beweglich bleiben – Die Freigeisterei</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Christine Schramm]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 08 Nov 2020 11:37:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>
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					<description><![CDATA[&#8230; eine Denk-Werkstatt im Geiste der Aufklärung Freigeist ist ein schönes Wort mit anrüchiger Vergangenheit. Die letzte Silbe dürfte niemanden gruseln. Wenn wir von „Geist“ sprechen, fassen wir in dem Begriff Verstand und Seele, Erkenntnis(-fähigkeit) und Gefühl zusammen. Der Ausdruck verknüpft eine Unmenge von Assoziationen und Perspektiven – man denke nur an die Vielfalt der Geistes-Wissenschaften. [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h3>&#8230; eine Denk-Werkstatt im Geiste der Aufklärung</h3>
<p>Freigeist ist ein schönes Wort mit anrüchiger Vergangenheit. Die letzte Silbe dürfte niemanden gruseln. Wenn wir von „Geist“ sprechen, fassen wir in dem Begriff Verstand und Seele, Erkenntnis(-fähigkeit) und Gefühl zusammen. Der Ausdruck verknüpft eine Unmenge von Assoziationen und Perspektiven – man denke nur an die Vielfalt der Geistes-Wissenschaften. Mit „Geist“ kann jeder etwas anfangen – jeder etwas anderes.</p>
<p>Noch populärer ist heute die erste Silbe und doch lag einmal genau hier der Stein des Anstoßes. Als das Hinterfragen im 18. Jahrhundert in Mode kam, wurde „frei“ zynisch als Trotz gegen die geltende Weltanschauung verstanden. Denker mit unbequemen oder unvorsichtig formulierten, neuen Ideen fasste man mit spitzen Fingern an und stopfte sie in eine große Schublade, die mit „Freigeister“ etikettiert war.<br />
Wer mit provokanten Veröffentlichungen aneckte, musste im 18. Jahrhundert nicht mehr um Leib und Leben fürchten. So war in der Aufklärung endlich eine Kontroverse möglich. Auf der einen Seite: die Konservativen, die sich dem Erhalt der bekannten Lehrmeinungen verschrieben hatten; auf der anderen Seite: die Neugierigen, die sich auch mit unkonventionellen Ideen anfreundeten.</p>
<p>Dem konservativen Lager gehörten viele Theologen an, denn sie bestimmten seit je her, wie die Heilige Schrift, auszulegen und anzuwenden war. Von der Kanzel herab legten sie fest, was als gottgefällig und wohlanständig zu gelten hatte. Neue Perspektiven auf das Verhältnis von Religion und Welt stellten ihre Autorität in Frage und damit eine Weltordnung, die über Jahrhunderte gewachsen war und sämtliche Erschütterungen überstanden hatte.<br />
Viele der sog. Freidenker rückten den Menschen in den Fokus und einige verabschiedeten sich ganz von der Idee eines Schöpfergottes. Sie nahmen sich diese Freiheit und manche von ihnen nahmen sich wohl zu viel heraus. Der ein oder andere provozierte um der Provokation willen, oder beleidigte, was anderen heilig war – ein Thema, das gerade wieder aktuell ist.</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone wp-image-521 size-medium" src="https://texterei-schramm.de/wp-content/uploads/2020/11/vogel1-300x186.jpg" alt="" width="300" height="186" /></p>
<p>Auch wenn die Epoche der Aufklärung schon 300 Jahre zurückliegt – ihre Ideen sind der Herzschlag unserer Zeit. Es lohnt sich immer wieder, sich daran zu erinnern! Damals kam das Denken in Bewegung und es muss beweglich bleiben! Die Freiheit, die wir hierzulande heute genießen, unsere Meinung zu sagen und unsere Weltanschauung zu leben, wurde damals erst errungen – in einer neuen Arena: in den <b>Medien</b>.</p>
<p>Es gab weitaus weniger Kanäle als heute: entweder auf Papier oder auf der Bühne. Meistens spielte sich der Konflikt zwischen Theologen und Freigeistern auf dem Papier ab, in Essays, Briefen und Abhandlungen. Doch ein junger Dramatiker, mit dem Ehrgeiz der deutsche Molière zu werden, wagt sich mit einer Komödie an den brandaktuellen Stoff. Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) schwingt die Feder und stellt auf schelmisch geniale Art die Ordnung in den <b>Irrungen und Wirrungen um die „richtige“ Weltanschauung</b> wieder her. Ein spannendes Wortgefecht um Vorurteile, Geistes- und Herzensangelegenheiten. Lesen Sie mehr über dieses vergessene Stück demnächst in der <i><b>Freigeisterei</b></i>!</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone wp-image-520 size-medium" src="https://texterei-schramm.de/wp-content/uploads/2020/11/vogel2-300x186.jpg" alt="" width="300" height="186" /></p>
<p>Hier – in der <i><b>Freigeisterei</b></i> – werkle ich an freier, ungebundener Geistes-Arbeit. Diese Abteilung der Texterei Schramm ist eine Denk-Werkstatt. Das <i>thinking in progress</i> mischt sich in aktuelle Diskurse ein und enthält hin und wieder Impulse für neue Ideen. In der <i><b>Freigeisterei</b></i> steht allerlei Kurioses im Rampenlicht, das mir beim täglichen Schreiben und Forschen begegnet. Sprache, Kommunikation und Medien, Mensch, Kunst und Komik, Literarisches und Philosophisches werden aus unkonventionellen Blickwinkeln betrachtet und unterhaltsam unter die Lupe genommen.</p>
<p>Lesen Sie weiter und diskutieren sie mit! Ich freue mich auf Ihre Kommentare und unseren Austausch ganz im Sinne der Aufklärung: fragen, denken, Wissen schaffen!</p>
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